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On-Demand-Insurance
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Neue Anbieter wie Trov, Verifly, Slice, Sure oder Airsurety drängen mit dem Ansatz einer «On-Demand-Insurance» auf die internationalen Versicherungsmärkte. Aber auch in der Schweiz ist beispielsweise mit dem Start-up Lings dieses neue Konzept für die Kunden verfügbar. Im Fall von Lings können in erster Linie elektronische Geräte gegen Diebstahl oder Beschädigung versichert werden. Online kann der Versicherungsschutz genau dann aktiviert werden, wenn seitens des Kunden ein Bedarf besteht. Um den Kollektivgedanken zu betonen, werden – ähnlich wie bei dem im Jahr 2015 gegründeten US-amerikanischen Versicherer Lemonade – Überschüsse, die nach Ausbezahlung der Schäden und fixer Betriebskosten des Betreibers entstehen können, für wohltätige Zwecke gespendet. Zudem passt Lings die Versicherungsprämie monatlich dem aktuellen Neuwert des versicherten Objekts an; bei versicherten elektronischen Geräten führt dies in aller Regel zu einer reduzierten Prämie im Zeitablauf.

Abdeckung via Smartphone

Eine Abgrenzung von On-Demand-Insurance zu klassischen Versicherungsdeckungen ist nicht einfach – die Grenzverläufe sind durchweg fliessend. On-Demand-Insurance-Verträge sind vor allem durch die Möglichkeit einer schnellen, unkomplizierten und fallbezogenen Abdeckung mit flexibler Vertragsdauer – typischerweise via Smartphone – gekennzeichnet. Regelmässig werden Bilderkennungssysteme zur Erfassung der versicherten Objekte genutzt. Zudem wird der Kollektivgedanke betont, weshalb die Versicherten häufig Anreize erhalten, die Schäden im Portfolio gering zu halten.

Aus Kundensicht bietet das Konzept einige interessante Aspekte: Ein schneller und flexibler Abschluss via App erlaubt einen bedarfsgerechten Abschluss. So können Einzelobjekte, die z. B. in einer allgemeinen Hausratversicherung nicht oder nur unzureichend versichert sind, besonders geschützt werden. Durch den reinen Onlineverkauf und die digitale Verarbeitung aller Informationen sind die Betriebskosten des Versicherers gering – in einem wettbewerbsorientierten Markt sollte dies einen positiven Effekt auf die Versicherungsprämie haben. Zudem sind zahlreiche neue ­Versicherungsmärkte – Stichwort «Mikroinsurance» – nur über diese Form des Kundenzugangswegs zu erreichen.

Beliebte «Gamification»

Vermutlich spielen aber bei vielen Versicherten Gesichtspunkte eine Rolle, die nicht einer rein «normativ-rationalen» Vorgehensweise folgen, sondern verhaltenswissenschaftliche Bereiche ansprechen. Die «An-/Aus»-Logik» des Konzepts, die Fotografie des zu versicherten Gegenstandes und der dahinterstehende Prozess der On-Demand-Insurance-App mit spielerischen Elementen könnte im Sinne einer «Gamification» von breiten Kundengruppen positiv aufgenommen werden.

Des Weiteren dürfte auch der «Denomination Effect» eine Rolle spielen: Bei kleineren Beträgen für Versicherungsdeckungen mit kurzen Zeiträumen und geringen Versicherungssummen reagieren Kunden typischerweise weniger preiselastisch. Von daher darf vermutet werden, dass prozentuale Aufschläge auf die erwarteten Entschädigungszahlungen im Bereich von On-Demand-Versicherungen möglich sind, die deutlich über denjenigen in traditionellen Versicherungsverträgen liegen. Hinzukommen kann, dass Kunden nach einer Phase der Risikoerhöhung und des Abschlusses eines «On-Demand»-Kontrakts – aus welchen Gründen auch immer – nicht auf «off» stellen, und damit letztlich einen regulär laufenden Vertrag zu möglicherweise ungünstigen Konditionen bedienen. Zusätzlich können bei der Beschreibung von On-Demand-Versicherungsverträgen Repräsentations- und Verfügbarkeitsheuristiken einen Einfluss auf die Akzeptanz ausüben.

«Faire» Prämien

Interessant erscheint zu untersuchen, ob Kunden in der Lage oder willens sind, aus einer vergleichbaren traditionellen Jahresdeckung «faire» Prämien für On-Demand-Verträge abzuleiten. Dabei muss eine Veränderung der Schadeneintrittswahrscheinlichkeit (und gegebenenfalls -höhe) bzw. die verkürzte Vertragslaufzeit Berücksichtigung finden. Ein entsprechender Test unter potenziellen Versicherungsnehmern könnte zeigen, ob es auch dann zu systematischen Über- oder Unterschätzungen von On-Demand-Versicherungsprämien kommt, wenn die erwähnten Informationen – insbesondere bzgl. der Schadenverteilung – verfügbar sind.

Anders formuliert: Das im Kontext von On-Demand-Insurance häufig angeführte Argument, man bezahle nur, wenn man die Deckung auch tatsächlich brauche, muss differenzierter betrachtet werden. In einem wettbewerbsorientierten und informationstransparenten Markt kostet bei sonst gleichen Bedingungen eine Monatsabdeckung dann nicht mehr als eine Jahresabsicherung, wenn der Schaden tatsächlich nur in diesem Monat eintreten kann. Zumindest aber dürfte sich in einem solchen Fall die Zahlungsbereitschaft für die beiden Produkte nicht unterscheiden, wenn der Nachfrager rational vorgeht.

Theorie vs. Realität

Tatsächlich sind die Gegebenheiten in der Realität deutlich komplizierter, da eine entsprechende Informationstransparenz nicht vorliegen dürfte. Zudem sind wir in der Regel Risiken ausgesetzt, deren Eintrittswahrscheinlichkeiten immer positiv bleiben, aber im Zeitablauf variieren. Wenn man davon ausgeht, der Kunde sei über seine Risikoexponiertheit besser im Bilde als der Versicherer, geben Kunden via On-Demand-Versicherung tatsächlich Informationen bzgl. Risikolage, Präferenzen etc. an den Anbieter weiter, die dieser im Rahmen der Risikodifferenzierung nutzen kann. Insofern kann On-Demand-Insurance im Rahmen einer «Self-Selection» geeignet sein, Probleme des moralischen Risikos und adverser Selektion zu reduzieren, falls sich die Schadenverteilungen zwischen On-Demand-Versicherten und «traditionellen» Versicherungsnehmern signifikant unterscheiden. In einem solchen Fall würde es dann in einem Markt mit On-Demand-Insurance auch zu Rückkopplungen auf das bisherige traditionelle Kollektiv kommen.

Dabei ist aber nicht gesagt, dass On-Demand-Versicherte eine höhere Schadenexponierung besitzen müssen: Vielleicht liegt ein ausgeprägtes ­Risikobewusstsein vor und es werden – trotz Versicherungsschutz – bessere Massnahmen bzgl. Schadenverhütung getroffen als dies in der Gruppe der traditionell versicherten Personen der Fall ist. Solche Massnahmen zur Schadenverhütung können dabei sowohl vom Versicherungsnehmer als auch vom Versicherer ausgehen. Wenn es allerdings zu einer grösseren Preisdifferenzierung im Markt via On-Demand-Versicherung kommt, werden sich nicht alle Versicherten besserstellen können.

In der Gesamtsicht kann On-Demand-Insurance helfen, Versicherungslücken zu schliessen und die Kostengerechtigkeit im Pricing weiter zu verbessern. Insbesondere können auch Personengruppen und -Märkte erschlossen werden, die traditionellen Versicherungsprodukten wenig verbunden sind. Bei der Absicherung existenzieller Risiken, für die Versicherungsunternehmen in erster Linie da sind, wird das Konzept aber traditionelle Policen nicht ablösen können. 

 

PROF. DR. HATO SCHMEISER ist Lehrstuhlinhaber und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Versicherungswirtschaft IVW der Universität St. Gallen.

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In Zukunft werden sich Versicherungspolicen je nach Bedarf an- und ausschalten lassen.
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On-Demand-Insurance ist im Vormarsch. Etabliert sich der Ansatz zu einem neuen Weg in der Versicherungsindustrie?
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